„Da fühlt man sich wieder jung“
Der zweite Vinyl-Abend in Wiesenau weckt Erinnerungen – ein Streifzug

Horst Hartwig, Jörg Meier und Marianne Nimmich (v. l.) veranstalten den Vinyl-Abend in der Emmaus-Gemeinde bereits zum zweiten Mal.Marius Philippsen
Langenhagen (map). Die Nadel wird aufgesetzt, der Plattenteller dreht sich, kurz knackt es, dann läuft Musik. Im Gemeindehaus der Emmaus-Kirchengemeinde in Wiesenau sitzen die Besucherinnen und Besucher des Vinyl-Abends am Samstag aufmerksam an ihren Tischen. Das Prinzip der Veranstaltung ist einfach: Wer eine Schallplatte mitgebracht hat, darf ein Lied vorspielen. Gemeinsam in Erinnerungen schwelgen, die eigenen Schätze auf Vinyl präsentieren und der Musik die Zeit und den Raum geben, die sie verdient hat – darum geht es an diesem Abend. Fünf Besucherinnen und Besucher haben uns die Geschichte hinter ihrer Lieblingsscheibe erzählt.

Irmtrott Hildebrand (80):

„Ich liebe ihn immer noch“

Irmtrott Hildebrands erste eigene Single war „Adios Amor“ von Andy Borg. Es war Mitte der 1980er-Jahre. Das Lied lief bei Partys im Keller. Für Hildebrand ist es noch immer mit dieser Zeit verbunden. „Ich liebe ihn immer noch“, sagt sie über den Schlagersänger, der mittlerweile selbst 65 Jahre alt ist. Dementsprechend groß ist auch ihre Sammlung: Viele Singles und CDs von dem Sänger besitzt sie mittlerweile. In der nächsten Woche fährt sie mit ihrer Schwester nach Passau zu seinem Konzert. „Da fühlt man sich wieder jung und ein bisschen traurig“, sagt Hildebrand, wenn sie die alte Musik hört.

Wolfgang Siebert (72):

Ein Lied und eine Begegnung

Wolfgang Siebert hat das Album „Kekse“ aus dem Jahr 1982 vom Schweizer Liedermacher Stephan Sulke mitgebracht. Siebert mag die melancholischen deutschen Texte, die Geschichten aus dem Leben erzählen. Vor rund 20 Jahren trat Sulke im Capitol auf. Siebert war dort und konnte hinter der Bühne mit dem Musiker sprechen. Dabei erfuhr er auch von einem schweren Einschnitt in Sulkes Leben: Er war überfallen und fast zu Tode geprügelt worden. Für Siebert machte die Begegnung den Musiker hinter der Platte noch greifbarer. „Uschi, mach keinen Quatsch“, war das erste Lied, das der 72-Jährige kannte – „Kekse“ bleibt aber seine ganz persönliche Erinnerung.

Daisy Alipala-Hünerberg (64): ABBA zum Tanzen

Daisy Alipales-Hünerbergs musikalischer Evergreen ist das Best-of-Album „Greatest Hits Vol. 2“ von ABBA. Die Platte stammt aus der Sammlung ihres Mannes, der selbst großer Vinyl-Fan ist. Besonders verbunden fühlt sich Alipala-Hünerberg mit „Dancing Queen“. Sie leitet die kulturelle Tanzgruppe Bamboo Filipino Magkabalikat und würde mit ihr das Lied gerne einmal tanzen. Zum Ende des Abends legte sie „Thank You for the Music“ auf – ein passender musikalischer Abschied.

Angelika Eleug (67):

Musik als Erinnerung

„Kann denn Liebe Sünde sein?“, fragt die schwedische Diva Zarah Leander auf Angelika Eleugs Lieblingsplatte. Die 67-Jährige schaute in den 1960er-Jahren viele Musiksendungen im Fernsehen, dazu lief das Radio immer und überall. Viele Schallplatten besaß sie selbst damals nicht. „Auf dem Dorf war man musikalisch nicht unbedingt auf dem neuesten Stand“, erzählt sie. Umso mehr blieben die Lieder aus Radio und Fernsehen im Gedächtnis. Für Eleug ist Musik deshalb vor allem eins: eine Erinnerung an die Jugend.

Gabriele Hahn-Hartwig (72): Die vergessene Platte

Auch die Lieblingsscheibe von Gabriele Hahn-Hartwig hat eine besondere Geschichte. Das Album „Topol 68“ von dem israelischen Schauspieler und Musiker Chaim Topol brachte ihr Vater von einer Dienstreise aus Israel mit, 1967, kurz nach dem Sechstagekrieg. Hahn-Hartwig war damals 14 Jahre alt. Die Musik auf der Platte, darunter auch traditionelle israelische Musik, kannte sie so nicht aus dem Radio – gerade deshalb fand sie sie faszinierend. Ihr Vater liebte Musik. Begeistert war sie von der Auswahl ihres Vaters allerdings nicht immer, manches lernte sie erst später zu schätzen. Lange hatte sie die Platte vergessen – erst beim Durchsehen und Sortieren der alten Sachen tauchte sie wieder auf.

Vielleicht ist genau dies der Reiz des Vinyl-Abends: Eine alte Platte wird aufgelegt, und mit ihr kommen Geschichten zurück. Weil das bei den Besucherinnen und Besuchern so gut ankam, könnte er im kommenden Jahr wiederholt werden, erzählt Veranstalter Horst Hartwig.

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